Menschen, die lügen, und dabei erwischt werden, sind in der Gesellschaft, in der sie sich jeden Tag bewegen, nicht sehr angesehen. Man kann ihnen nicht vertrauen und ist sich nicht sicher, ob man von ihnen die Wahrheit zu hören bekam, oder eben nicht. Sicherlich gibt es Situationen, in denen man nicht die Wahrheit sagen kann und mit einer diplomatischen Notlüge versucht, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Ansonsten gibt es noch Aufschneider, die mit erfundenen und übertriebenen Erzählungen versuchen, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erzielen.
Aufschneider machen sprichwörtlich aus Mücken Elefanten. Sind sie bei Tempo 60 bei Gelb über eine Ampel gefahren, erzählen sie ihren Kumpels, dass sie bei mindestens 120 und schon lange aufleuchtendem Rotlicht die Kreuzung passiert haben. Sie wollen mit aller Gewalt dazu gehören, und übertreiben deswegen, wenn sie etwas zu erzählen brauchen, einfach das, was sie wirklich erlebt haben. Noch schlimmere Zeitgenossen erfinden von Grund auf neue Geschichten, um sich lieb Kind zu machen. Was sie davon haben, ihr Licht so sehr in Szene zu setzen, weiß man nicht. Minderwertigkeitsgefühle und Komplexe treiben die Menschen zum Lügen an; doch sie schaden sich dabei nur selbst, denn wenn sie erst einmal aufgeflogen sind, glaubt ihnen nie wieder jemand.
Bei manchen Kindern entsteht der Eindruck, dass sie lügen müssen, wenn sie etwas ausgefressen haben, um der Schelte der Eltern zu entgehen. Dabei hilft es nichts, zu erklären, dass man Fehler eingestehen muss. Die Angst vor Schimpfe oder Sanktionen ist so groß, dass man durch Lügen die Missgeschicke oder Untaten verbergen will. Wie man es auch dreht, irgendwann wird dies bei jedem Kind einmal vorkommen. Wenn die Mama nicht da war, und der Pudding im Kühlschrank so verlockend war, dass man ihn einfach essen musste, mag man das vielleicht nicht gleich zugeben. Auch wenn beim Spiel mit dem Hund die Bodenvase zu Bruch gegangen ist, kann dies laut Aussage des Kindes schnell einfach so passiert sein, beziehungsweise, es war natürlich die alleinige Schuld vom Hund.
Durchgehen darf man diese Lügen natürlich nicht lassen. Man muss nur erklären, dass das Zugeben und Eingestehen die Eltern nicht so sehr enttäuscht, wie das Aufdecken der Lüge. Man muss anhand von Beispielen erläutern, dass jede Lüge irgendwann auffliegt, und dann die angelogenen Menschen sehr traurig sind. So wird manches schuldbewusste Kind seine Schandtaten lieber doch beichten, als zu einer Lüge zu greifen. Natürlich müssen sich die Eltern dann auch daran halten und nicht ausflippen, wenn sich das Kind schon überwunden hat, seine eigenen Fehler einzugestehen. Allerdings steht man auch ziemlich dumm da, wenn die Kleinen einen dann selbst bei einer Schummelei ertappen. Notlügen rutschen den Eltern manchmal deshalb heraus, weil sie den Kindern eine Situation nicht erklären wollen. Sie nehmen an, die Kinderchen würden es noch nicht verstehen; dabei kann man für alle Lagen kindgerechte Erklärungen finden, wenn man etwas überlegt.
Werden die Kinder älter, muss man sie natürlich härter ins Gebet nehmen, wenn man sie beim Lügen erwischt. Lügen kann schnell zur Gewohnheit werden, vor allem dann, wenn man merkt, dass man durch die Unwahrheiten leichter durchs Leben kommt. So entstehen dann die Menschen, die sich nicht nur in Problemsituationen sondern auch, wenn es darum geht, wichtiger zu sein, als sie in Wirklichkeit sind, jederzeit bereit sind, auch die nahestehendsten Menschen zu belügen. Sie machen sich so zum Außenseiten, denn jeder, der eine Lüge aufgedeckt hat, wird sich von diesen Menschen früher oder später abwenden. Wenn sie dann alleine dastehen, wird ihnen wohl erst bewusst, wie sehr sie ihre Umgebung verletzt haben, wie sehr sie das Vertrauen, das man ihnen entgegen gebracht hat, missbraucht und ausgenutzt haben. Nicht jeder ist ein Baron von Münchhausen, dem es gelingt, sich am eigenen Kragen aus einer brenzligen Situation heraus zu lügen.
